Erläuterungen zur Schweizer Geldpolitik
Zusammenfassung
Die Welt durchlebt eine Zeit grosser Unsicherheit. Als Zentralbank müssen wir das als gegeben nehmen - und mit der Unsicherheit umgehen. In den vergangenen 25 Jahren gab es mehrere Phasen, die von grosser Unsicherheit geprägt waren. Dennoch hat die SNB ihr Ziel der Preisstabilität erfüllt. Und auch die Schweizer Wirtschaft hat sich insgesamt positiv entwickelt. Das war möglich, weil drei Grundvoraussetzungen für unser Wirken gegeben waren.
Erstens unser institutioneller Rahmen und insbesondere die Unabhängigkeit der Nationalbank. Unabhängigkeit heisst: Beim Führen der Geldpolitik dürfen wir weder von der Regierung noch vom Parlament oder von anderer Seite Weisungen entgegennehmen. Der Gesetzgeber hat uns diese Unabhängigkeit aus gutem Grund gegeben, weil eine unabhängige Zentralbank ihr Mandat am besten erfüllen kann. Das Gegenstück zur Unabhängigkeit ist die Rechenschaftspflicht. Die SNB berichtet umfassend darüber, wie sie ihre Aufgaben erfüllt.
Zweitens unser geldpolitisches Konzept, das unseren langfristigen Orientierungsrahmen definiert. Im Zentrum des Konzepts stehen die Definition der Preisstabilität und die bedingte Inflationsprognose. Die bedingte Inflationsprognose ist unser Hauptindikator für die Geldpolitik. Sie zeigt uns an, ob die Preisstabilität in der mittleren Frist erfüllt ist, und ob es zukünftigen Handlungsbedarf gibt. Sie ist damit der Kern unserer Kommunikation. Drittens ist auch der Beitrag unserer Mitarbeitenden für eine erfolgreiche Geldpolitik zentral. Sie setzen sich jeden Tag mit ihren Fähigkeiten und mit viel Engagement für die Nationalbank ein.
Der Konflikt im Nahen Osten macht die globale Wirtschaftslage sehr unsicher. Die gestiegenen Energiepreise werden in den nächsten Monaten die Inflation in vielen Ländern weiter erhöhen. Das globale Wachstum dürfte sich vorübergehend verlangsamen. Die SNB kann das unsichere globale Umfeld nicht ändern. Doch wir können auch unter solchen Bedingungen erfolgreich eine Geldpolitik im Gesamtinteresse des Landes führen. Wir sind bereit, wenn nötig unsere Geldpolitik jederzeit anzupassen, und wir haben die Instrumente dazu. Dank der Unabhängigkeit, unserem bewährten geldpolitischen Konzept und der Expertise unserer Mitarbeitenden sind wir gerüstet, um die Erfüllung unseres Mandats auch in Zukunft sicherzustellen.
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Frau Bankratspräsidentin
Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre
Liebe Gäste
Herzlich willkommen zur heutigen Generalversammlung der Schweizerischen Nationalbank.
Die Welt durchlebt eine Zeit grosser Unsicherheit. Kriege hinterlassen menschliches Leid. Kriege hinterlassen aber auch Spuren in der Wirtschaft. Die SNB kann das globale Umfeld nicht ändern. Als Zentralbank müssen wir es als gegeben nehmen - und mit der Unsicherheit umgehen. Unser Ziel - und Mandat - ist die Preisstabilität in der Schweiz. Unser Ziel müssen wir auch dann erfüllen, wenn die Bedingungen schwierig sind. Und an diesem Ziel richten wir unsere Geldpolitik aus.
Was brauchen wir, um unser Ziel auch unter schwierigen Bedingungen zu erreichen? Und wie haben wir die Geldpolitik im vergangenen Jahr konkret gestaltet? Diese Fragen möchte ich heute beantworten. Abschliessen werde ich mit einem Ausblick.
Voraussetzungen für die Erfüllung unseres Mandats
Beginnen wir mit der Frage, was wir für eine erfolgreiche Geldpolitik brauchen. Erfolgreiche Geldpolitik, das heisst: Wir erfüllen unser Mandat. Das Mandat der SNB steht im Gesetz: "Sie gewährleistet die Preisstabilität. Dabei trägt sie der konjunkturellen Entwicklung Rechnung." Preisstabilität definieren wir als eine jährliche Inflation zwischen 0% und 2% in der mittleren Frist. Blicken Sie auf die Inflation der letzten 25 Jahre zurück, können Sie feststellen: Die SNB hat ihr Ziel erfüllt. Und auch die Schweizer Wirtschaft hat sich insgesamt positiv entwickelt. Was waren die Voraussetzungen, damit wir unser Mandat erfüllen konnten? Das war möglich, weil drei Grundvoraussetzungen für unser Wirken gegeben waren: Erstens: wir operieren in einem soliden institutionellen Rahmen; zweitens: wir verfügen über ein robustes geldpolitisches Konzept; und drittens: wir können uns auf kompetente und erfahrene Mitarbeitende verlassen. Zusammen sind wir ein hervorragend eingespieltes Team.
Beginnen wir mit der ersten Voraussetzung, dem institutionellen Rahmen. Die Bankratspräsidentin hat die wichtigen Bestandteile des institutionellen Rahmens in ihrer Rede erläutert. Einen zentralen Aspekt möchte ich hier besonders hervorheben: die Unabhängigkeit der Nationalbank.
Unabhängigkeit heisst: Beim Führen der Geldpolitik dürfen wir weder von der Regierung noch vom Parlament oder von anderer Seite Weisungen entgegennehmen. Der Gesetzgeber hat uns diese Unabhängigkeit aus gutem Grund gegeben, weil eine unabhängige Zentralbank ihr Mandat am besten erfüllen kann. Das zeigt die Geschichte klar. Warum braucht es die Unabhängigkeit? Weil Unabhängigkeit die Zentralbank davor schützt, für andere Zwecke missbraucht zu werden - sei es zur Staatsfinanzierung oder für andere Ziele. Eine unabhängige Zentralbank kann ihre Geldpolitik voll auf die Preisstabilität ausrichten. Und zwar unabhängig davon, ob die dafür erforderlichen Massnahmen in der Öffentlichkeit auf Anklang stossen oder nicht.
Die Unabhängigkeit der SNB ist in der Schweiz fest verankert - rechtlich und gesellschaftlich. Sie bezieht sich auf unser klar definiertes und eng abgestecktes Mandat. Nur dieses enge Mandat rechtfertigt unsere Unabhängigkeit. Das Gegenstück zur Unabhängigkeit ist die Rechenschaftspflicht. Die SNB berichtet umfassend darüber, wie sie ihre Aufgaben erfüllt. Wir erklären dem Bundesrat, der Bundesversammlung und der Öffentlichkeit, was wir tun, wie wir es tun und weshalb wir es tun. Und wir veröffentlichen jährlich einen umfassenden Rechenschaftsbericht. Ich kann Ihnen die Lektüre nur empfehlen.
Die Unabhängigkeit ist allerdings kein Naturgesetz. Sie ist auch kein Selbstzweck, sondern dient ausschliesslich der Erfüllung unseres Mandats. Sie kann nur bestehen, weil die Bevölkerung weiss, dass eine unabhängige Nationalbank dem Land am besten dient. Und weil die Bevölkerung der Nationalbank vertraut. Dieses Vertrauen beruht darauf, dass wir unser Mandat erfüllen und der Bevölkerung jene Stabilität liefern, die sie erwartet.
Die zweite Grundvoraussetzung für die Erfüllung unseres Mandats ist unser geldpolitisches Konzept. Dieses ist unser langfristiger Orientierungsrahmen. Im Zentrum des Konzepts stehen die Definition der Preisstabilität und die bedingte Inflationsprognose. Die bedingte Inflationsprognose ist unser Hauptindikator für die Geldpolitik. Sie zeigt uns an, ob die Preisstabilität in der mittleren Frist erfüllt ist, und ob es zukünftigen Handlungsbedarf gibt. Sie ist damit der Kern unserer Kommunikation. Das geldpolitische Konzept hat sich nun bereits ein Vierteljahrhundert bewährt. Dennoch ist es wichtig, das Konzept immer wieder zu überprüfen. Nur so kann es seinen Zweck optimal erfüllen. Zuletzt haben wir es 2022 umfassend überprüft. Es waren nur leichte Anpassungen notwendig. Bei diesen Anpassungen ging es vor allem darum, der gestiegenen Bedeutung von Devisenmarktinterventionen Rechnung zu tragen.
Die dritte Voraussetzung für eine erfolgreiche Geldpolitik sind unsere Mitarbeitenden. Der Beitrag unserer Mitarbeitenden ist zentral. Sie setzen sich jeden Tag mit ihren Fähigkeiten und mit viel Engagement für die Nationalbank ein. Geldpolitische Entscheide können nicht mechanisch getroffen werden. Wir müssen viele, auch widersprüchliche, Informationen einschätzen, und wir müssen Risiken abwägen. Nur ein fundiertes Fachurteil - gestützt auf Analysen und Prognosen unserer Mitarbeitenden - liefert die Basis für gute Entscheidungen.
Diese drei Voraussetzungen - Unabhängigkeit, geldpolitisches Konzept und Expertise - werden auch künftig die Grundlage für die Preisstabilität in der Schweiz bilden.
Ich komme nun zu unserer jüngsten Geldpolitik.
Unsere Geldpolitik im vergangenen Jahr
Wie haben wir unsere Geldpolitik im vergangenen Jahr gestaltet?
Zunächst eine kleine Rückblende: Die Zunahme des Inflationsdrucks im Nachgang der Corona-Pandemie hatten wir erfolgreich durch eine frühzeitige und konsequente Straffung der Geldpolitik bekämpft. Als dann der Inflationsdruck im Jahr 2024 nachliess, haben wir den SNB-Leitzins schrittweise von 1,75% auf 0,5% gesenkt. Im Jahr 2025 ist der Inflationsdruck in der ersten Jahreshälfte weiter zurückgegangen, und wir haben den Leitzins auf null gesenkt. Das haben wir in zwei Schritten getan, im März und im Juni. Seither veränderte sich der mittelfristige Inflationsdruck kaum noch. Wir haben deshalb den Leitzins an unseren letzten drei Lagebeurteilungen nicht mehr angepasst.
Wie wirkt unsere Geldpolitik? Zurzeit ist sie expansiv. Die tiefen Zinsen wirken primär über die Kredite und den Wechselkurs. Sie machen Kredite günstiger, fördern Investitionen und unterstützen damit die konjunkturelle Entwicklung. Das sehen wir auch in den Daten: Das Wachstum der Kredite hat über das letzte Jahr zugenommen. Und beim Wechselkurs machen die im Vergleich zum Ausland tiefen Zinsen den Franken weniger attraktiv. Damit reduziert sich der Aufwertungsdruck auf den Franken. Bei Bedarf können wir den Aufwertungsdruck mit Devisenkäufen zusätzlich dämpfen.
Die Bevölkerung, das heisst wir alle, spürt die Auswirkungen der Geldpolitik unterschiedlich. Die meisten von uns tragen dabei mehrere Hüte. Beim Sparen bekommen wir kaum noch Zins auf unserem Sparkonto. Beim Wohnen profitieren wir aber von tieferen Hypothekar- oder Mietzinsen. Als Unternehmerinnen und Unternehmer können wir Investitionen günstiger finanzieren, und als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer profitieren wir davon, dass die aktuell tiefen Zinsen die Konjunktur und damit die Beschäftigung unterstützen. Auch wenn sich die Geldpolitik auf jede und jeden von uns unterschiedlich auswirkt: Das Ziel unserer Geldpolitik ist immer die Preisstabilität - unter Berücksichtigung der Konjunktur. Und dies kommt allen zugute. Das ist der Beitrag, den die Nationalbank für unser Land leisten kann.
Ausblick
Ich komme nun zum Ausblick. Der Konflikt im Nahen Osten macht die globale Wirtschaftslage sehr unsicher. Die gestiegenen Energiepreise werden in den nächsten Monaten die Inflation in vielen Ländern weiter erhöhen. Das globale Wachstum dürfte sich vorübergehend verlangsamen.
Auch in der Schweiz ist die Unsicherheit bezüglich der Entwicklung der Inflation und der Wirtschaft deutlich gestiegen. Das Wachstum könnte kurzfristig eher verhalten ausfallen, auch wenn wir mittelfristig eine gewisse Belebung erwarten. In den kommenden Quartalen werden die höheren Energiepreise die Inflation auch in der Schweiz weiter anheben.
Wie ist die Situation beim Wechselkurs? Der Franken hat seit 2020 nominal deutlich an Wert gewonnen. Die Preise sind in der Schweiz jedoch weniger stark gestiegen als im Ausland. Der reale Wechselkurs berücksichtigt diesen Unterschied, indem er den Wechselkurs um die Preisentwicklungen bereinigt. So hat sich der Franken zum Euro und zum US-Dollar seit 2020 real - trotz einiger Schwankungen - insgesamt wenig verändert.
In unsicheren Zeiten wird der Franken als sicherer Hafen gesucht. Anfang Jahr und mit der Eskalation im Nahen Osten hat der Aufwertungsdruck zugenommen. Eine Aufwertung des Frankens bremst die Teuerung. Die Importe werden günstiger und die Wirtschaftsentwicklung wird gedämpft.
Sie sehen, die Situation bleibt herausfordernd. Wir werden deshalb die Lage weiter beobachten. Und wenn nötig werden wir die Geldpolitik anpassen. Oft werde ich gefragt, unter welchen Bedingungen wir die Geldpolitik anpassen würden. Wann interveniert die SNB? Was bräuchte es, damit sie den Negativzins wieder einführt? Ich kann künftige Entscheidungen nicht voraussagen, sie hängen von der weiteren Entwicklung ab. Aber die Grundlage für unsere Entscheidungen ist immer die gleiche: Wir beobachten die Situation laufend. Bei Bedarf passen wir unsere Geldpolitik an. Und zwar dann, wenn die monetären Bedingungen nicht mehr angemessen sind, und die Preisstabilität ohne Anpassung gefährdet wäre. Dann zögern wir nicht zu handeln. Sowohl beim SNB-Leitzins als auch bei den Devisenmarktinterventionen haben wir den vollen Handlungsspielraum. Unsere Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren, ist wegen des Konflikts im Nahen Osten erhöht. Damit können wir einer raschen und übermässigen Aufwertung des Frankens entgegenwirken. Eine solche Aufwertung würde die Preisstabilität in der Schweiz gefährden.
Schlusswort
Meine Damen und Herren
Wie eingangs erwähnt: Die SNB kann das unsichere globale Umfeld nicht ändern. Doch wir können auch unter solchen Bedingungen erfolgreich eine Geldpolitik im Gesamtinteresse des Landes führen. In unsicheren Zeiten wie diesen sind wir dabei besonders wachsam. Wir sind bereit, wenn nötig unsere Geldpolitik jederzeit anzupassen, und wir haben die Instrumente dazu. Dank der Unabhängigkeit, unserem bewährten geldpolitischen Konzept und der Expertise unserer Mitarbeitenden sind wir gerüstet, um die Erfüllung unseres Mandats auch in Zukunft sicherzustellen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
- Der Referent dankt Alain Gabler für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Textes. Sein Dank geht auch an Claudia Aebersold, Matthias Burgert, Christoph Hirter, Carlos Lenz, Tanja Zehnder und den Sprachendienst der SNB.