Der Weg zum geldpolitischen Entscheid der Nationalbank
Zusammenfassung
An ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung vom September 2025 hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) entschieden, den SNB-Leitzins bei 0% zu belassen. Die SNB hat zudem darauf hingewiesen, dass sie bei Bedarf weiterhin bereit ist, am Devisenmarkt aktiv zu sein.
Einen geldpolitischen Entscheid, wie jenen vom September, trifft die Nationalbank an ihren Lagebeurteilungen. Diese finden jeweils im März, Juni, September sowie im Dezember statt.
Die Grundlage für jeden Entscheid ist das Mandat der Nationalbank. Es lautet, dass die SNB die Preisstabilität gewährleistet und dabei der konjunkturellen Entwicklung Rechnung trägt. Den Rahmen für die geldpolitische Entscheidungsfindung bildet das geldpolitische Konzept. Darin legt die Nationalbank fest, dass sie unter Preisstabilität eine Inflation zwischen 0% und 2% versteht. Die SNB strebt dabei an, die Inflation in der mittleren Frist im Bereich der Preisstabilität zu halten.
Der geldpolitische Entscheidungsprozess gliedert sich in zwei Phasen: in die Vorbereitung und die geldpolitische Lagebeurteilung. Kurz nach dem Abschluss einer Lagebeurteilung beginnt bereits die Vorbereitungsphase für den nächsten Entscheid, in der zunächst die wirtschaftliche Entwicklung verfolgt und analysiert wird. Etwa zur Quartalsmitte findet eine Zwischenbeurteilung statt. Ökonominnen und Ökonomen des Bereichs Volkswirtschaft berichten dem Direktorium, wie sich die Wirtschaft seit der letzten Lagebeurteilung entwickelt hat und ob die Prognosen der letzten Lagebeurteilung weiterhin Gültigkeit haben.
In die Vorbereitung des geldpolitischen Entscheids sind zahlreiche Mitarbeitende aus der ganzen Nationalbank involviert. Eine zentrale Rolle spielen die Ökonominnen und Ökonomen des Bereichs Volkswirtschaft. Sie analysieren Daten mithilfe statistischer Verfahren und entwickeln Prognosemodelle. Ergänzend dazu werden in jedem Quartal strukturierte Gespräche mit rund 250 Schweizer Unternehmen geführt und ihre wirtschaftliche Lage erhoben.
Rund zwei Wochen vor der Lagebeurteilung tauschen sich die Ökonominnen und Ökonomen des Bereichs Volkswirtschaft intensiv mit dem Präsidenten des Direktoriums und seinen Stellvertretenden aus. Dabei wird die konjunkturelle Entwicklung im Ausland und in der Schweiz sowie die der monetären Indikatoren wie Zinsen, Wechselkurs, Geldmengen und Kredite unter die Lupe genommen. Im Anschluss daran erstellen die Ökonominnen und Ökonomen die Unterlagen für die Lagebeurteilung. Auch die Bereiche Geldmarkt und Devisenhandel sowie der Bereich Finanzstabilität bereiten zuhanden des Direktoriums ihre Einschätzungen des aktuellen Umfelds vor. Damit endet die Vorbereitungsphase.
Der Prozess der geldpolitischen Entscheidungsfindung folgt in jedem Quartal dem gleichen Ablauf - unabhängig vom aktuellen Umfeld. Dieses strukturierte und systematische Vorgehen erleichtert das Erkennen von Veränderungen sowie von geldpolitischem Handlungsbedarf. Der Prozess ist jedoch keineswegs starr und mechanisch, sondern lässt es zu, auf neue Entwicklungen flexibel zu reagieren. Wenn sich das Umfeld rasch verändert oder unerwartete Entwicklungen auftreten, werden weitere Analysen durchgeführt oder Szenarien simuliert. Auch kann das Direktorium jederzeit entscheiden, die Geldpolitik ausserhalb der vierteljährlichen Lagebeurteilungen anzupassen.
Die zweite Phase auf dem Weg zum geldpolitischen Entscheid ist die geldpolitische Lagebeurteilung. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob der aktuelle geldpolitische Kurs noch angebracht ist, um die Preisstabilität in der mittleren Frist zu gewährleisten: Sind die monetären Bedingungen, die sich aus Zinsniveau und Wechselkurs ergeben, noch angemessen, oder sollten sie angepasst werden? Beim geldpolitischen Entscheid legt die Nationalbank jeweils den SNB-Leitzins fest. Änderungen des Leitzinses wirken sich auf das Zinsniveau und auf den Wechselkurs des Frankens aus. Bei Bedarf kann die Nationalbank auch andere Massnahmen wie Interventionen am Devisenmarkt einsetzen, um die Preisstabilität zu sichern.
Am ersten Tag der Lagebeurteilung sind neben den Mitgliedern und stellvertretenden Mitgliedern des Direktoriums Personen aus den Bereichen Volkswirtschaft, Geldmarkt und Devisenhandel, Finanzstabilität, Internationale Währungskooperation und Generalsekretariat sowie der Kommunikation anwesend. Bei Bedarf beantworten sie spezifische Fragen der Mitglieder und der Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums.
Während des ersten Tages werden folgende Themen diskutiert:
- Zum Auftakt berichtet der Bereich Geldmarkt- und Devisenhandel von den Finanzmärkten. Diese Einschätzungen können zeitnahe Informationen zu den monetären Bedingungen, der globalen Risikostimmung sowie zur Umsetzung der Geldpolitik liefern.
- Die Analysen zu den monetären Bedingungen werden vom Bereich Volkswirtschaft durchgeführt. Der Fokus liegt auf der Entwicklung der Zinsen in der Schweiz sowie des Frankenkurses. Ausserdem wird das Wachstum der Geldmengen und der Kredite genau analysiert.
- Anschliessend präsentiert der Bereich Volkswirtschaft seine Analysen zur globalen Konjunkturentwicklung. Diese umfassen den Wirtschaftsgang im Ausland sowie Prognosen für die Weltwirtschaft. Neben dem Wachstumsausblick wird auch die weitere Entwicklung der Inflation und der Geldpolitik im Ausland diskutiert. Das vom Bereich Volkswirtschaft erarbeitete Basisszenario für die Weltwirtschaft bildet die Grundlage der Prognosen für die Schweiz.
- Zum Abschluss erläutert der Bereich Volkswirtschaft die aktuelle Wirtschaftslage in der Schweiz sowie die jüngsten Wachstums- und Inflationsprognosen. Ein wichtiger Bestandteil sind die rund 250 Gespräche, welche die Delegierten der Nationalbank jedes Quartal mit Schweizer Unternehmen führen.
- Aktuelle Themen aus dem Bereich Finanzstabilität wie die Entwicklungen am Immobilienmarkt und bei der Kreditvergabe werden ebenfalls diskutiert.
Die Präsentationen zeichnen ein umfassendes Bild des aktuellen Umfelds. Ein gewisses Mass an Unsicherheit bleibt jedoch immer bestehen, dementsprechend ist das Denken in Szenarien unerlässlich. Die vorhandenen Risiken werden ebenfalls eingehend analysiert.
Der zweite Tag der Lagebeurteilung ist der Tag des Entscheids. Neben den Mitgliedern und den Stellvertretenden Mitgliedern des Direktoriums sind die Bereichsleiter Volkswirtschaft, Geldmarkt- und Devisenhandel, Finanzstabilität, Internationale Währungskooperation, Generalsekretariat sowie die Leitenden der Einheiten Geldpolitische Analysen, Prognosen und Analysen Schweiz, Regionale Wirtschaftskontakte, Prognosen und Analysen International, Economic Data Science sowie der Kommunikation anwesend.
Zunächst fasst der Bereich Volkswirtschaft die Ausgangslage für den geldpolitischen Entscheid zusammen. Damit kann die abschliessende Diskussion des geldpolitischen Entscheids beginnen. In ihr wird darüber beraten, ob die gegenwärtige Geldpolitik angemessen ist oder ob sie gestrafft oder gelockert werden soll, damit die Preisstabilität in der mittleren Frist gewährleistet werden kann.
Beim geldpolitischen Entscheid nimmt das Direktorium eine breite Perspektive ein. Es berücksichtigt die aktuellen Risiken und nimmt eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse verschiedener Optionen vor. Die SNB verfolgt dabei einen Risikomanagement-Ansatz, welcher der Tatsache Rechnung trägt, dass der Entscheid unter Unsicherheit über die künftige Entwicklung getroffen wird. Das Ziel des Risikomanagement-Ansatzes ist es, einen geldpolitischen Entscheid zu treffen, der für mehrere wahrscheinliche Szenarien geeignet ist. Das Direktorium stützt sich dabei nicht nur auf Prognosen für verschiedene Szenarien, sondern bringt auch seine eigene Beurteilung ein.
Im Anschluss an die Entscheidungsfindung verabschiedet das Direktorium die Kommunikation, die den Zinsentscheid festhält und erläutert. Ein zentrales Element der Kommunikation ist die bedingte Inflationsprognose. Sie zeigt, welche Entwicklung der Konsumentenpreise die Nationalbank erwartet, wenn der festgelegte Zinssatz über die nächsten drei Jahre unverändert bleiben würde.
Jeweils am Donnerstag um 9.30 Uhr wird der geldpolitische Entscheid der Öffentlichkeit präsentiert, indem eine Medienmitteilung zum geldpolitischen Entscheid mit einer bedingten Inflationsprognose auf der SNB-Website veröffentlicht wird. Ab 10 Uhr findet ein Mediengespräch statt, das auf der SNB-Website live übertragen wird. Am Mediengespräch erläutert das Direktorium zunächst in den Einleitenden Bemerkungen den Entscheid. Im Anschluss erhalten die Journalistinnen und Journalisten die Gelegenheit, dem Direktorium Fragen zu stellen. Eine Woche nach der Lagebeurteilung wird mit dem Quartalsheft der vierteljährliche Bericht über die Geldpolitik veröffentlicht. Seit der Lagebeurteilung vom September 2025 wird vier Wochen nach dem geldpolitischen Entscheid eine Zusammenfassung der Diskussion an der Lagebeurteilung publiziert.
Damit endet der Prozess und ein neuer Zyklus beginnt.