Geldpolitische Lagebeurteilung Dezember 2025: Zusammenfassung der Diskussion
An der Geldpolitischen Lagebeurteilung vom 9. und 10. Dezember 2025 entschied das Direktorium der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den SNB-Leitzins unverändert bei 0% zu belassen. Am 11. Dezember 2025 kommunizierte die SNB ihren geldpolitischen Entscheid der Öffentlichkeit.
Dem Entscheid gingen eine Analyse und Diskussion der geldpolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen voraus. Behandelt wurden unter anderem die Lage an den Finanzmärkten, die monetären Indikatoren, die internationalen Rahmenbedingungen, die Wirtschaftslage sowie der Wirtschaftsausblick für die Schweiz.
Den Entscheid fällten Martin Schlegel (Präsident des Direktoriums), Antoine Martin (Vizepräsident des Direktoriums) und Petra Tschudin (Mitglied des Direktoriums).
Neben den Mitgliedern des Direktoriums nahmen am ersten Tag der Lagebeurteilung teil: die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums Attilio Zanetti, Rosmarie Schlup, Sébastien Kraenzlin, Thomas Moser, Vertreterinnen und Vertreter der Bereiche Volkswirtschaft, Geldmarkt und Devisenhandel, Finanzstabilität, Internationale Währungskooperation und Generalsekretariat sowie der Organisationseinheit Kommunikation.
Die abschliessende Beratung vor dem geldpolitischen Entscheid am zweiten Tag führten die Mitglieder des Direktoriums sowie die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums in einem engeren Kreis von Expertinnen und Experten durch. Anwesend waren die Leitungen Volkswirtschaft, Geldmarkt- und Devisenhandel, Finanzstabilität, Internationale Währungskooperation und Generalsekretariat sowie die Leitungspersonen der Organisationseinheiten Geldpolitische Analysen, Prognosen und Analysen Schweiz, Regionale Wirtschaftskontakte, Prognosen und Analysen International, Economic Data Science sowie Kommunikation.
Finanzmärkte
Zum Auftakt berichtete der Bereich Geldmarkt- und Devisenhandel von der Entwicklung an den Finanzmärkten.
Handelspolitische Spannungen sowie Sorgen um gewisse Segmente des US-Kreditmarktes und die Bewertung von US-Technologieaktien sorgten für eine temporär erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten. Zur Marktunsicherheit trug auch die dünne Datenlage während des Stillstands der US-Regierungsgeschäfte bei. In diesem Umfeld verlor der Aufwärtstrend von europäischen und amerikanischen Aktien an Dynamik. Der Schweizer Aktienmarkt profitierte von seiner defensiven Ausrichtung und der überdurchschnittlichen Entwicklung einzelner Titel. Der US-Dollar wertete sich handelsgewichtet rund 1% auf. Für die Lagebeurteilung im Dezember erwarteten die Märkte von der SNB keine Leitzinsanpassung.
Das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums diskutierten die jüngsten Entwicklungen bei den US-Unternehmen, die im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) tätig sind. Insbesondere wurden mit den Expertinnen und Experten die hohen Bewertungen dieser Firmen an den Aktienmärkten thematisiert. Gemäss einiger Marktbeobachter geht von diesen Unternehmen grosse Unsicherheit aus, da sie aufgrund der hohen Aktienbewertung potenziell anfällig für Kurskorrekturen sind. Diese Unsicherheit hat sich weiter verschärft, seitdem sich viele dieser Firmen vermehrt am Obligationenmarkt finanzieren.
In der Diskussion mit den Spezialistinnen und Spezialisten wurde auch die divergierende Zinsentwicklung in den USA und der Eurozone thematisiert, die sich seit der letzten Lagebeurteilung im September fortsetzte. Während sich die Markterwartungen für die Eurozone relativ stabil entwickelten, waren die Zinserwartungen in den USA volatiler.
Monetäre Indikatoren
Der Bereich Volkswirtschaft präsentierte die Analysen zu den monetären Indikatoren.
Im Vergleich zur Lagebeurteilung vom September gab es kaum Veränderungen bei den Renditen langfristiger eidgenössischer Anleihen. Der Franken verlor gegenüber dem Dollar an Wert, war gegenüber dem Euro hingegen kaum verändert. Am Schweizer Aktienmarkt gab es deutliche Kursgewinne. Die Preise von Wohnimmobilien setzten ihren Aufwärtstrend fort, und das Wachstum der Hypothekarkredite legte weiter zu. Nach einem deutlichen Anstieg in den Vorquartalen stabilisierte sich das Wachstum der breit gefassten Geldaggregate.
Das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums diskutierten die gegenwärtigen monetären Bedingungen. Die Geldpolitik wirkt unter Berücksichtigung aller verfügbaren Indikatoren expansiv. Die Senkung des SNB-Leitzinses seit 2024 hat sich auf das allgemeine Zinsniveau übertragen. Die stimulierende Wirkung zeigt sich unter anderem am Wachstum der Kredite und der breiten Geldmengenaggregate. Die Überschussliquidität ist positiv und konsistent mit Preisstabilität in der mittleren Frist. Die relativ hohe Zinsdifferenz zum Ausland hat dazu beigetragen, dass die Wechselkursverhältnisse für die Schweiz seit Mitte des Jahres trotz zeitweise hoher Unsicherheit an den Finanzmärkten recht stabil sind. Seit der Lagebeurteilung im September hat sich der Franken auf realer handelsgewichteter Basis leicht abgewertet.
Das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums diskutierten auch mögliche Wechselwirkungen zwischen der Geldpolitik und der Finanzstabilität.
Internationale Rahmenbedingungen
Der Bereich Volkswirtschaft präsentierte die Analyse der globalen Konjunkturentwicklung.
Das Wachstum der Weltwirtschaft fiel im dritten Quartal stärker aus als erwartet. Die Auswirkungen der US-Zölle und der handelspolitischen Unsicherheit waren geringer als angenommen. Auch der anhaltende Boom im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) trug positiv zum Wachstum bei. In den USA blieb die Inflation erhöht, aber aufgrund von Sorgen um den Arbeitsmarkt wurde die Geldpolitik dort weiter gelockert. In der Eurozone lag die Inflation nahe am Zielwert, entsprechend wurden die Leitzinsen dort nicht verändert.
Zudem stellte der Bereich Volkswirtschaft das Basisszenario für die Weltwirtschaft vor, das die Grundlage für die Prognosen für die Schweiz bildet. Die Weltwirtschaft dürfte gemäss Basisszenario über die nächsten Quartale moderat wachsen. In den USA dürfte die Inflation noch einige Zeit erhöht bleiben, in der Eurozone dagegen nahe am Zielwert verharren. Der Ausblick für die Weltwirtschaft ist weniger unsicher als noch im September. Dennoch gibt es weiterhin bedeutende Risiken. Die US-Zölle und die handelspolitische Unsicherheit bleiben ein wichtiger Faktor. Einerseits könnten sie die globale Konjunkturdynamik stärker belasten als bisher beobachtet; zudem könnten die Handelsbarrieren erneut erhöht werden. Andererseits könnte sich die Weltwirtschaft aber auch über die kommenden Quartale besser entwickeln als erwartet.
Im Austausch mit den Spezialistinnen und Spezialisten erörterten die Mitglieder des Direktoriums und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums die Gründe für die stärkere als erwartete Wachstumsdynamik. Die im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegenen US-Zölle haben die Importnachfrage der USA zwar erwartungsgemäss gedrosselt, doch der globale Warenhandel blieb bemerkenswert robust. Ein wichtiger Grund dafür war die starke Nachfrage nach Gütern im Bereich der KI, was insbesondere die Exporte aus asiatischen Schwellenländern beflügelte. Doch auch in den Industrieländern entwickelten sich die Exporte besser als angenommen. Obwohl die handelspolitische Unsicherheit nach wie vor erhöht ist, fiel auch die Investitionsdynamik besser aus als erwartet. Dies insbesondere in den USA, wo im Moment besonders stark in KI investiert wird.
Das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums tauschten sich mit den Fachexpertinnen und -experten auch darüber aus, inwiefern die Geldpolitik und die Fiskalpolitik den weiteren Verlauf der globalen Konjunktur beeinflussen dürften. Die Geldpolitik und die expansivere Fiskalpolitik in den USA und in der Eurozone, insbesondere in Deutschland, dürften wachstumsstützend wirken. Als zusätzliche Faktoren, die den weiteren Verlauf der globalen Wirtschaftsentwicklung beeinflussen könnten, wurden die Handelspolitik, die global hohen Schuldenstände, die weitere Entwicklung bei der KI sowie die Geopolitik erwähnt.
Wirtschaftslage Schweiz
Der Bereich Volkswirtschaft berichtete zunächst über die vierteljährlichen Unternehmensgespräche, die die Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte der SNB im Oktober und November führten.
Die Unternehmen rechneten für das vierte Quartal mit einer leichten Wachstumserhöhung. Haupttreiber waren weiterhin der Dienstleistungssektor und die Bauwirtschaft. Auch in Teilen der Industrie wurde eine gewisse Belebung festgestellt; wegen der anhaltenden Unterauslastung blieben die Gewinnmargen aber unter Druck. Als Reaktion auf die US-Zölle haben die besonders betroffenen Unternehmen bereits eine Reihe von Massnahmen getroffen. Insgesamt waren die Erwartungen der befragten Unternehmen zur Umsatzentwicklung verhalten positiv, wobei die Unsicherheit weiterhin als erhöht erachtet wurde.
Das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums erörterten mit den Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte die aktuelle Lage aus Sicht der Unternehmen. Sie diskutierten dabei auch, wie die Unternehmen auf die im November angekündigte Senkung der US-Zölle reagieren dürften, wie die Unternehmen den gegenwärtigen Preisdruck einschätzen und wie sich der Einsatz von KI bei den Unternehmen auswirkt. Für die stark von Zöllen betroffenen Unternehmen stellt die Senkung eine Erleichterung dar, auch weil die Zölle die Wettbewerbsposition im Vergleich zur europäischen Konkurrenz nicht mehr belasten. Die Preiserwartungen haben sich im Vergleich zum Vorquartal kaum verändert, die Unternehmen erwarten leicht steigende Einkaufs- und Verkaufspreise. Die Inflationserwartungen blieben ebenfalls stabil. Viele Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit der Anwendung von KI. Für die gegenwärtige Unterauslastung des Personals in der Industrie dürfte dies aber kein wesentlicher Grund sein. Im Dienstleistungssektor wird der Personalbestand gegenwärtig als angemessen beurteilt.
Danach gab der Bereich Volkswirtschaft einen Überblick über die jüngste Entwicklung der Konsumentenpreise in der Schweiz. Entgegen der Erwartungen nahm die Inflation in den letzten Monaten etwas ab und betrug im November 0,0%. Verantwortlich für diesen Rückgang war vor allem eine geringere Teuerung in der Hotellerie und bei den Mieten sowie bei einigen importierten Waren, insbesondere bei den Kleidern. Die Kerninflation ging ebenfalls etwas zurück, was darauf hindeutet, dass die zugrundeliegende Inflationsdynamik abnahm.
Die Mitglieder und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums diskutierten den erwarteten weiteren Verlauf der Inflation in der kurzen Frist. Die inländischen Dienstleistungen dürften die Inflation weiterhin stützen, trotz eines leicht abnehmenden Beitrags der Mieten. Es ist zu erwarten, dass die Mietteuerung aufgrund des Rückgangs beim hypothekarischen Referenzzins kurzfristig noch etwas weiter zurückgeht. Die Entwicklung der Warenpreise dürfte die Inflation auch in den kommenden Monaten belasten, wobei die Bedeutung der in den letzten Monaten rückläufigen Energiepreise zurückgehen sollte. Die wichtigsten Unsicherheitsfaktoren blieben gegenüber der Lagebeurteilung im September unverändert und betreffen insbesondere die Mietteuerung und den Tourismus.
Wirtschaftsausblick Schweiz
Der Bereich Volkswirtschaft präsentierte seine Einschätzung der jüngsten Wirtschaftsentwicklung und das Basisszenario für die Wirtschaft in der Schweiz.
Das BIP-Wachstum fiel im dritten Quartal negativ aus. Hauptgrund war die Wertschöpfung in der pharmazeutischen Industrie, die nach dem starken Wachstum im ersten Quartal weiter zurückging. In den anderen Branchen des verarbeitenden Gewerbes und im Dienstleistungssektor stieg die Wertschöpfung leicht an. Die Arbeitslosigkeit nahm in den letzten Monaten weiter zu.
Die wirtschaftlichen Aussichten haben sich infolge der Senkung der US-Zölle und der günstigeren Konjunkturlage im Ausland leicht verbessert. Für 2025 wird ein BIP-Wachstum von knapp 1,5% und für 2026 ein Wachstum von rund 1% erwartet. Die Arbeitslosigkeit dürfte noch geringfügig ansteigen. Nachdem die Inflation in den letzten Monaten etwas zurückgegangen ist, dürfte sie im Prognoseverlauf wieder zunehmen und somit weiterhin im Bereich der Preisstabilität liegen. Die Unsicherheit bezüglich der weiteren Inflationsentwicklung bleibt erhöht. Auch die Wirtschaftsaussichten für die Schweiz bleiben unsicher. Hauptrisiko ist die Entwicklung der Weltwirtschaft.
In der Diskussion mit den Expertinnen und Experten erörterten das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums die Gründe für den volatilen Verlauf des BIP im Jahr 2025. Die Vorzieheffekte wegen den angekündigten US-Zöllen und die darauf folgenden Kompensationseffekte waren die Haupttreiber des volatilen Verlaufs. Diese waren vor allem in der chemisch-pharmazeutischen Industrie, aber auch in anderen Branchen zu beobachten. Es wird erwartet, dass diese Kompensationen nun abgeschlossen sind. Zum Jahresende hin ist mit einem positiven Wachstumsbeitrag der Industrie zu rechnen. Das Direktorium und die Stellvertretenden Mitglieder des Direktoriums setzten sich auch mit den Risiken für den Ausblick für die Schweiz auseinander. Nebst dem internationalen Umfeld und der US-Handelspolitik stellen auch starke Bewegungen der Wechselkurse ein Risiko dar.
Geldpolitischer Entscheid
Zu Beginn des zweiten Tages der Lagebeurteilung fasste das Direktorium die am Vortag dargelegte Ausgangssituation, die Konjunkturlage und die Szenarien für die internationale und die Schweizer Wirtschaft sowie die Inflationsprognose zusammen. Danach ging der Bereich Geldmarkt und Devisenhandel nochmals auf die Lage an den Finanzmärkten ein und berichtete über die Umsetzung der Geldpolitik am Geld- und Devisenmarkt.
Anschliessend fasste der Bereich Volkswirtschaft die Ausgangslage für den geldpolitischen Entscheid zusammen. Der deutliche Rückgang der Inflation im letzten Jahr hat sich im Frühjahr stabilisiert. Im Vergleich zur Lagebeurteilung im September ist der Inflationsdruck praktisch unverändert. Die Inflation sank in den vergangenen zwei Monaten leicht, vor allem wegen der Preisentwicklung in der Hotellerie, bei den Mieten und den Kleidern. Die bedingte Inflationsprognose zeigt an, dass die Inflation in den nächsten Quartalen wieder ansteigen sollte.
Mittelfristig ist die bedingte Inflationsprognose nahezu unverändert gegenüber September. Die Inflation liegt über den ganzen Prognosezeitraum im Bereich der Preisstabilität.
Die wirtschaftlichen Aussichten für die Schweiz haben sich mit der angekündigten Senkung der US-Zölle etwas aufgehellt. Viele Konjunkturindikatoren deuten auf eine leicht verbesserte Wachstumsdynamik hin. Die Produktionslücke ist im vierten Quartal zwar etwas negativer als im September prognostiziert. Sie dürfte sich aber dank des höheren Wachstums in den kommenden Quartalen schneller als bisher angenommen schliessen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist abgeflacht. Sie dürfte nicht mehr deutlich zunehmen.
Das Direktorium folgerte, dass die monetären Bedingungen angesichts der präsentierten Inflations- und Konjunkturaussichten aktuell angemessen sind. Ebenfalls kam es zum Schluss, dass die Geldpolitik gegenwärtig expansiv wirkt. Das Direktorium befand, dass zurzeit kein geldpolitischer Handlungsbedarf besteht. Weder eine Straffung der Geldpolitik noch eine zusätzliche Lockerung der Geldpolitik wäre zum jetzigen Zeitpunkt angemessen.
Das Direktorium entschied deshalb, den SNB-Leitzins unverändert bei 0% zu belassen. Sichtguthaben der Banken bei der SNB sollen bis zu einer bestimmten Limite zum SNB-Leitzins verzinst werden, und der Zinsabschlag auf Sichtguthaben oberhalb dieser Limite soll weiterhin 0,25 Prozentpunkte betragen. Zudem bestätigte das Direktorium seine Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv zu sein. Das Direktorium will die Lage weiter genau beobachten und die Geldpolitik wenn nötig anpassen, um sicherzustellen, dass die Inflation mittelfristig im Bereich der Preisstabilität bleibt.