Interview von Martin Schlegel in der NZZ
Publiziert am 24. April 2026. Das Interview führten Peter A. Fischer und Thomas Fuster.
Herr Schlegel, der Bundesrat hat seine verschärften Eigenmittelvorschriften für die UBS ins Parlament geschickt. Er verlangt, dass ausländische Beteiligungen künftig mit 100 Prozent Eigenkapital unterlegt werden. Software soll zudem innerhalb von maximal drei Jahren abgeschrieben werden. Braucht es einen solchen «Swiss Finish»?
Nach der Krise der Credit Suisse haben die Behörden diese analysiert und daraus geeignete Massnahmen abgeleitet. Die vollständige Kapitalunterlegung von ausländischen Beteiligungen ist absolut zentral,um die Widerstandsfähigkeit der systemrelevanten Banken zu erhöhen.
Aus der Führung der UBS verlautet, das sei inakzeptabel und gefährde die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bank. Wollen Sie die UBS aus der Schweiz vertreiben?
Bei der Standortwahl sind Kapitalvorschriften nur ein Faktor unter vielen. Die Analysten gehen davon aus, dass die Swissness für die UBS positiv ist. Die Regulierung kann von Land zu Land etwas differieren. Die vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen halten wir für verhältnismässig, gezielt und effektiv, um die Schwachstellen zu beheben.
Was halten Sie von der mehr oder weniger expliziten Drohung der Grossbank, den Sitz ins Ausland zu verlegen? Was wären die Folgen für den Schweizer Finanzplatz?
Das hängt davon ab, was genau verlegt würde. Die UBS hat verschiedene rechtliche Einheiten. Ich will keine Prognosen machen, würde aber davon ausgehen, dass die UBS immer noch einen wesentlichen Teil ihres Geschäftes in der Schweiz tätigen würde.
Die Bankspitze warnt davor, dass die verschärften Eigenkapitalvorschriften die Kapitalkosten in der Schweiz verteuern.
Die Vorschläge des Bundesrats beziehen sich auf die ausländischen Beteiligungen. Das Schweizer Geschäft wäre davon nicht direkt betroffen. Wenn die UBS ihre Kapitalkosten dort verrechnet, wo sie anfallen, sollte das keinen Einfluss auf ihr Schweizer Geschäft haben. Ausserdem ändert sich deswegen ja der Wettbewerb auf dem Schweizer Markt nicht; die Konkurrenz sollte spielen.
Die UBS sagt, die neuen Vorschriften würden 22 Milliarden Dollar mehr Kapital verlangen, der Bundesrat spricht von 20 Milliarden.
Wir rechnen ebenfalls mit rund 20 Milliarden Dollar. Grosse Unterschiede gibt es insbesondere bei der Frage, wie viel Kapital die UBS zusätzlich zurückbehalten muss. Unsere Analysen gehen von 9 Milliarden Dollar aus.
Sie können die Klagen der UBS also nicht nachvollziehen.
Die angedachten Massnahmen sind nicht extrem. Unsere Experten haben es berechnet: Unter Berücksichtigung von Reserven verfügt die UBS heute schon über genügend Eigenkapital, um sämtliche Vorschläge des Bundesrats zu erfüllen.
Es wird davor gewarnt, dass der Aktienkurs der UBS nun sinken und die Bank zu einem günstigen Übernahmeobjekt für ausländische Konkurrenten werden könnte.
Es gilt, eine Güterabwägung zu machen zwischen dem Risiko, das die Schweizer Steuerzahler tragen müssen, und den Interessen der UBS-Aktionäre. Das ist die Aufgabe der Politik. Aber die SNB sagt deutlich: Die vorgeschlagenen Massnahmen sind aus Sicht der Finanzstabilität zweckmässig und verhältnismässig.
Die CS ist doch nicht wegen mangelnden Eigenkapitals untergegangen, sondern wegen mangelnder Liquidität.
Bei der CS gab es über die Jahre viele Managementfehler. Aufgrund der damaligen Kapitalsituation im Schweizer Stammhaus war die CS nicht mehr in der Lage, notwendige Restrukturierungen umzusetzen. Genau hier setzt die Regulierung des Bundesrats an.
Nach dem CS-Kollaps sind mit dem Zollstreit und dem Nahostkonflikt weitere Schocks auf uns zugekommen. Agiert die SNB im Krisenmodus?
Ich war vergangene Woche an der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds, des IWF, in Washington. Dort zeigte sich: Die Stimmung bei den Zentralbanken und Finanzministerien ist nicht gut. Der Hauptgrund ist der Konflikt im Nahen Osten.
Was beschäftigt Sie und Ihre Kollegen am meisten?
Die entscheidende Frage ist, wie lange der Konflikt andauert und ob die Energiepreise hoch bleiben. Wenn sich die Energiepreise rasch wieder normalisieren, wäre der Einfluss auf Inflation und Wirtschaftswachstum wohl nur vorübergehend. Sollte der Konflikt jedoch länger anhalten und die Energiepreise hoch bleiben, sind deutlich grössere Auswirkungen zu erwarten.
Der Währungsfonds hat in seinem neusten Outlook auf klare Prognosen verzichtet und stattdessen mit Szenarien gearbeitet. Befinden sich die Zentralbanken im Blindflug?
Die Unsicherheit ist enorm hoch, wir arbeiten daher alle mit Szenarien. Momentan ist es kaum möglich, die Entwicklung für den nächsten Monat oder das nächste Quartal präzise abzuschätzen.
Man hat das Gefühl, dass Unsicherheit zum Dauerzustand wird. Eine Krise folgt auf die andere.
Das ist so. An die Unsicherheit gewöhnt man sich bis zu einem gewissen Grad, auch die Märkte haben gelernt, damit umzugehen. Nichtsdestoweniger macht sie die Arbeit der Zentralbanken schwieriger. Wir würden uns alle eine andere Welt wünschen. Aber wir müssen auf jene Welt reagieren, die wir antreffen.
Was war in Washington die vorherrschende Einschätzung: Droht nun eine Stagflation mit stagnierendem Wachstum und deutlich höherer Inflation?
Die Meinung war: It’s too early to tell. Wir müssen abwarten. Im Moment ist unklar, ob es sich nur um einen temporären Angebotsschock handelt. Durch solche Schocks können Zentralbanken in der Regel «hindurchschauen». Problematisch wird es, wenn sich sogenannte Zweitrundeneffekte und somit Preissteigerungen auf breiter Front abzeichnen. Dann müssen Zentralbanken handeln.
Auch in der Pandemie schauten Notenbanken lange Zeit durch die Krise hindurch. Mit dem Resultat, dass viele von ihnen zu spät auf die Inflation reagiert haben.
Ich kann nicht für andere Notenbanken sprechen, aber die SNB hat relativ früh gehandelt. Wir haben zu Beginn zugelassen, dass der Franken aufwertet, was den Inflationsdruck dämpfte. Anschliessend haben wir begonnen, die Zinsen zu erhöhen und dann auch Devisen verkauft. Das hat den Franken gestärkt und dabei geholfen, die Inflation im Griff zu behalten.
Mit Blick auf eine mögliche Stagflation: Welche Gefahr ist aus Schweizer Sicht grösser, die einer stagnierenden Wirtschaft oder die eines Hochschnellens der Inflation?
Auch das hängt von der Dauer des Krieges und der Entwicklung der Energiepreise ab. Je länger die Energiepreise erhöht bleiben, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation global stärker ansteigt. Gleichzeitig steigt auch das Risiko, dass das Wirtschaftswachstum geringer ausfällt als bisher erwartet. Zugute kommt uns, dass sich die Weltwirtschaft vor dem Iran-Krieg relativ robust entwickelt hat – robuster als allgemein erwartet. Zudem war die Inflation vor Kriegsausbruch in der Schweiz tief.
Und die Schweizer Wirtschaft produziert zum Glück nicht sehr energieintensiv.
Im Warenkorb der Schweizer Haushalte hat Energie ein geringeres Gewicht als in vielen anderen Ländern. Dennoch haben steigende Energiepreise auch hier direkte Auswirkungen. Was wir in Washington auch diskutiert haben, ist die Gefahr, dass wir den Effekt unterschätzen könnten. Denn Energie ist in vielen Gütern indirekt enthalten. Das zeigt sich gerade bei Nahrungsmitteln: Für die Ernte wird Diesel benötigt, auch der Transport der Lebensmittel braucht Energie, und selbst Verpackungen – etwa aus Kunststoff – basieren häufig auf Erdöl. Energiepreise wirken somit breiter, als man auf den ersten Blick annehmen würde.
Ungeachtet der Krise und steigender Energiepreise boomen die Börsen – vor allem in den USA. Wie erklären Sie sich das?
Viele Finanzmarktteilnehmer scheinen die Unsicherheiten auszublenden. In Washington hiess es oft, die Märkte seien zu optimistisch. Das ist aber nichts Neues. Die hohen Bewertungen vor allem im Technologiesektor waren schon beim letzten IWF-Treffen im vergangenen Oktober ein wichtiges Thema.
Die SNB profitiert insofern von der Krise, als die steigenden Energiepreise die Gefahr einer deflationären Preisentwicklung dämpfen.
Wir denken nicht in solchen Kategorien. Kriege sind mit enormem Leid verbunden. Daraus können wir nichts Positives ableiten. Ob die Gefahr einer Deflation kleiner geworden ist, hängt stark von der Entwicklung des Frankens ab. Als sicherer Hafen wird der Franken in Krisen stärker nachgefragt. Die damit verbundene Aufwertung könnte über sinkende Importgüterpreise einen deflationären Druck auslösen.
Bislang sehen wir aber keine starke Aufwertung.
Die SNB hat zu Beginn des Iran-Krieges betont, sie habe eine erhöhte Bereitschaft für Interventionen am Devisenmarkt. Wir haben dies getan, weil eine schnelle und abrupte Aufwertung des Frankens die Preisstabilität gefährden würde.
Haben Sie dieser Ankündigung auch Interventionen folgen lassen?
Ob wir am Devisenmarkt aktiv waren, geben wir erst mit einem Quartal Verzögerung bekannt. Ich muss Sie auf Ende Juni vertrösten.
Sie haben es erwähnt: In Krisen wertet der Franken meist auf. Seit Ausbruch des Iran-Krieges hat er gegenüber dem Euro aber an Wert verloren und ist zum Dollar stabil geblieben. Warum?
Mit Ausbruch des Iran-Krieges erhöhte sich zunächst der Aufwärtsdruck auf den Franken. Die SNB hat darauf reagiert, indem wir eine erhöhte Bereitschaft für Interventionen signalisiert haben. Zudem sind mit dem Anstieg der Energiepreise und der Aussicht auf höhere Inflation auch die Zinserwartungen im Ausland angestiegen. Das hat den Aufwertungsdruck etwas reduziert.
Die verbale Intervention hat also zur Abschwächung des Frankens beigetragen?
Eine verbale Intervention muss glaubwürdig sein, damit sie eine Wirkung entfaltet. Bei Bedarf muss man den Worten auch Taten folgen lassen.
Führen solche Kommentare dazu, dass man weniger intervenieren muss? Oder fordert man damit die Marktteilnehmer nicht geradezu heraus, die Nationalbank zu testen?
Die SNB ist seit 2009 immer wieder am Devisenmarkt aktiv. In dieser Zeit haben wir viele Erfahrungen gemacht. Eine davon ist, dass eine gute Kommunikation der eigenen Strategie wesentlichen Einfluss hat.
Devisenmarktinterventionen werden nicht überall gern gesehen. Die Schweiz steht auf der Beobachtungsliste der USA für Währungsmanipulationen. Die Schweiz verhandelt mit den USA ein Zollabkommen. Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie den Verhandlern mit grossen Interventionen in den Rücken fallen?
Unser Mandat ist klar: Wir führen die Geld- und Währungspolitik im Gesamtinteresse des Landes. Das tun wir unabhängig von Bund und Kantonen und erst recht von ausländischen Behörden. Wenn wir am Devisenmarkt intervenieren, geschieht das aus geldpolitischen Gründen. Ziel ist es, eine schnelle und übermässige Aufwertung des Frankens zu verhindern und damit die Preisstabilität zu gewährleisten. Es ging der SNB nie darum, für die Schweizer Wirtschaft einen unfairen Wettbewerbsvorteil zu erreichen oder eine Anpassung der Zahlungsbilanz zu verhindern.
Es fällt indes auf, dass sich die SNB kritischer als früher zu Negativzinsen äussert. Dadurch rücken Interventionen am Devisenmarkt automatisch stärker ins Zentrum.
Unser primäres Instrument ist und bleibt der SNB-Leitzins. Wir haben zwar mehrfach betont,dass die Hürden für die Wiedereinführung eines Negativzinses höher seien als bei einer «normalen» Zinssenkung im positiven Bereich. Gleichzeitig sagen wir auch: Wenn es notwendig ist, werden wir nicht zögern, auch wieder einen Negativzins einzuführen.
Indem Sie stets die hohen Hürden für Negativzinsen betonen, schränken Sie Ihren Handlungsspielraum ein. Warum?
Das ist nicht der Fall. Ich betone diese Hürden nicht von mir aus. Ich werde einfach von allen immer wieder danach gefragt. Und auf die gleiche Frage gibt es dann die gleiche Antwort.
Vertreter der Uhrenbranche, wie der Swatch-Group-Chef Nick Hayek oder der Breitling-CEO Georges Kern, werfen der SNB vor, sie tue zu wenig gegen den starken Franken. Kern sagt, er sei von der SNB enttäuscht. Was antworten Sie ihnen?
Die SNB führt die Geld- und Währungspolitik im Gesamtinteresse des Landes. Wir können und dürfen unsere Geldpolitik nicht auf einzelne Branchen oder Bevölkerungsgruppen ausrichten. Das heisst nicht, dass wir die Herausforderungen der Unternehmen übersehen. Ich habe grossen Respekt vor den Firmen in der Schweiz, insbesondere den Exporteuren, die sich täglich im internationalen Wettbewerb behaupten müssen.
Die SNB hat eine grosse Bilanz, die zumeist Gewinne generiert, die dann teilweise an Bund und Kantone ausgeschüttet werden. Sie verhandeln derzeit mit dem Finanzdepartement eine neue Vereinbarung für solche Ausschüttungen. Was für Änderungen drängen sich auf?
Die Verhandlungen mit dem Bund laufen noch, wir können dazu nichts sagen. Wir haben auch noch Zeit. Eine neue Vereinbarung brauchen wir bis spätestens Frühling 2027, wenn es um die Gewinnverteilung aus dem Jahr 2026 geht.
Momentan erhöhen Sie zur Stärkung Ihres Eigenkapitals jedes Jahr Ihre Rückstellungen um 10 Prozent und äufnen erst danach eine Ausschüttungsreserve. Deshalb gab es 2022 und 2023 auch keine Ausschüttungen. Braucht es eine stärkere Verstetigung solcher Zahlungen?
Eine Verstetigung ist sinnvoll, weil sie Bund und Kantonen erlaubt, ihr Budget zu planen. Aber in erster Linie braucht die SNB eine robuste Bilanz. Unsere Bilanz ist gross, auf grosse Gewinne können hohe Verluste folgen. Deshalb ist es wichtig, dass wir genügend Eigenkapital haben. Wir haben im Moment zu wenig und müssen es aufbauen.
Ihre Eigenkapitalquote beträgt derzeit rund 19 Prozent. Im Vergleich zu den Banken ist das viel. Wieso braucht die SNB mehr?
Die Banken können ihr Wechselkursrisiko weitgehend absichern, wir nicht. Deswegen sind unsere Risiken auch viel grösser.
Im Prinzip könnte eine Zentralbank auch mit negativem Eigenkapital funktionieren, da sie ja selbst Geld schaffen kann.
Das stimmt grundsätzlich, aber es ist ein Zustand, den man vermeiden sollte, weil dann Zentralbanken an Glaubwürdigkeit verlieren und unter grösseren politischen Druck kommen.
Was ist denn Ihre Zielgrösse für die Eigenkapitalquote der SNB?
Diesen Bereich kann ich Ihnen nicht nennen. Aber die gegenwärtigen 15 bis 20 Prozent sind zu wenig.
Über die Zeit hinweg sollte es der SNB möglich sein, mit ihren Devisenreserven eine gewisse Rendite zu erwirtschaften. Das SNB Observatory, eine Gruppe unabhängiger Ökonomen, schlägt deshalb vor, jedes Jahr einen festen Prosentsatz der Bilanz auszuschütten, etwa 0,5 Prozent.
Das halte ich für keine gute Idee. Die SNB muss ihre Bilanz für die Geldpolitik einsetzen können. Deswegen braucht sie eine robuste Bilanz, also genug Eigenkapital. Sie hat nicht die Aufgabe, Gewinne auszuschütten. Dafür spüre ich viel Verständnis und eine sehr grosse Unterstützung seitens des Bundes und der Kantone. Der genannte Vorschlag lässt die Risiken der SNB-Bilanz unberücksichtigt und ist nur auf die Ausschüttung ausgerichtet. Wenn wir keinen Bilanzgewinn haben, können wir auch nichts ausschütten.
Apropos Politisierung: In den USA übt der Präsident grossen Druck auf das Fed aus, die Zinsen zu senken. Ist die Unabhängigkeit der Zentralbanken in Gefahr?
Die meisten Zentralbanken haben ein Mandat der Preisstabilität. Ich gehe davon aus, dass sie ihr Mandat auch in Zukunft verfolgen werden. Die Geschichte zeigt, dass nur eine unabhängige Zentralbank diesen Auftrag wirklich erfüllen kann.