Ein stabiles Finanzsystem ist zentral für das gute Funktionieren einer Volkswirtschaft. Es zeichnet sich dadurch aus, dass die Akteure des Finanzsystems ihre jeweiligen Funktionen reibungslos erfüllen und gegenüber Schocks widerstandsfähig sind. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) leistet einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des Finanzsystems in der Schweiz. Sie erfüllt diesen Auftrag, indem sie unter anderem die Gefahrenquellen für das Finanzsystem analysiert und allfälligen Handlungsbedarf aufzeigt.
Mit dem "Finanzstabilitätsbericht 2026" präsentiert die SNB ihre jüngste Einschätzung zur Stabilität des Schweizer Finanzsystems.
Das Wichtigste in Kürze
- Das wirtschaftliche Umfeld und die Bedingungen an den Finanzmärkten bleiben für den Schweizer Finanzsektor anspruchsvoll. Insbesondere der Konflikt im Nahen Osten, Spannungen im internationalen Handel und die damit verbundenen geopolitischen und makroökonomischen Unsicherheiten sind eine Herausforderung.
- Am Schweizer Kreditmarkt nahmen die ausstehenden Kredite weiter zu, trotz struktureller und regulatorischer Veränderungen in den vergangenen Jahren.
- Am Schweizer Wohnliegenschaftsmarkt bestehen weiterhin Verwundbarkeiten, und die ausstehenden Hypothekarschulden bleiben auf hohem Niveau. Die finanziellen Mittel der Haushalte mildern die Tragbarkeitsrisiken.
- Der Schweizer Bankensektor ist insgesamt gut aufgestellt, um den Herausforderungen im aktuellen Umfeld zu begegnen. Stresstests der Nationalbank für die inlandorientierten Banken und die UBS deuten darauf hin, dass die meisten Banken die Verluste in relevanten Negativszenarien verkraften könnten.
- Die Profitabilität im Schweizer Bankensektor hat sich im Jahr 2025 insgesamt verbessert. Dank der vorhandenen Kapital- und Liquiditätspuffer sind die Banken nicht nur widerstandsfähig, sondern verfügen auch über hohe Kapazitäten zur Kreditvergabe. Zwischen einzelnen Banken und auch zwischen den verschiedenen Bankkategorien gibt es jedoch grosse Unterschiede. Vor dem Hintergrund gesunkener Zinssätze in der Schweiz ging die Profitabilität der inlandorientierten Banken im Jahr 2025 geringfügig zurück.
- Die Krise der Credit Suisse hat gezeigt, dass die Bankenregulierung in der Schweiz weiter gestärkt werden muss. Die SNB unterstützt das vorgeschlagene Massnahmenpaket des Bundesrats. Aus Sicht der Nationalbank sind insbesondere Massnahmen im Bereich Liquidität und Kapital von grosser Bedeutung. Im Bereich Kapital hat der Bundesrat am 22. April 2026 die vollständige Eigenmittelunterlegung ausländischer Beteiligungen von Banken zu Handen des Parlaments verabschiedet.
- Nichtbanken-Finanzintermediäre (NBFI) spielen auch in der Schweiz eine wichtige Rolle im Finanzsystem und können Auswirkungen auf die Finanzstabilität haben. Die SNB analysiert derzeit, welche Risiken von inländischen NBFI ausgehen können; dabei nimmt sie eine systemweite Perspektive ein. Die Arbeiten werden nach der Bedeutung der einzelnen Arten von NBFI und der Verfügbarkeit der Daten priorisiert.
- Systemisch bedeutsame Finanzmarktinfrastrukturen (FMI) bilden die Grundlage für das reibungslose Funktionieren der Finanzmärkte. Die SNB überwacht diese FMI und trägt somit zur Stabilität des Finanzsystems bei.
- Stablecoins sind in der Schweiz derzeit ein Nischenphänomen und deshalb für die Finanzstabilität keine Gefahr. Da Stablecoins auch ausserhalb ihres Währungsraumes zirkulieren können, ist bei der Regulierung eine internationale Koordination wichtig.
Die Bankenregulierung muss weiter gestärkt werden
Die SNB unterstützt das vom Bundesrat vorgeschlagene Massnahmenpaket zur Stärkung der Too-big-to-fail-Regulierung. Die vorgesehenen Massnahmen sind entscheidend, um regulatorische Schwachstellen zu beheben, welche die Krise der Credit Suisse offengelegt hat, und sie sind wichtig, um die Stabilität des Schweizer Finanzsystems zu stärken. Aus Sicht der Nationalbank stehen vor allem die Massnahmen in den Bereichen Liquidität und Kapital im Fokus.
Für Liquiditätsengpässe vorsorgen
Zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit Schweizer Banken gegenüber Liquiditätsschocks hat der Bundesrat vorgeschlagen, systemrelevante Banken dazu zu verpflichten, ein Mindestvolumen an Sicherheiten für den Bezug von Liquiditätsunterstützung von Zentralbanken vorzubereiten. Im Bedarfsfall kann die SNB gegen diese Sicherheiten Liquidität bereitstellen. Von den übrigen Banken erwartet die SNB, dass sie die notwendigen operativen Schritte unternehmen, um an der Erweiterten Liquiditätsfazilität (ELF) teilnehmen zu können, damit die SNB bei Bedarf auch sie mit Liquidität unterstützen kann. Zudem begrüsst die SNB den Vorschlag des Bundesrats, in der Schweiz einen Public Liquidity Backstop (PLB) einzuführen.
Kapitalunterlegung stärken
Die vom Bundesrat am 22. April 2026 vorgeschlagene vollständige Kapitalunterlegung von ausländischen Beteiligungen des Stammhauses ist zielgerichtet und verhältnismässig. Die heute geltende unvollständige Kapitalunterlegung macht das Stammhaus anfällig für Verluste auf ausländischen Beteiligungen und schränkt damit im Krisenfall die Möglichkeit ein, sich beispielsweise durch den Rückzug aus ausländischen Geschäftstätigkeiten zu stabilisieren. Die Massnahme vergrössert somit den Handlungsspielraum einer Bank in Krisenzeiten. Davon betroffen ist in erster Linie die UBS. Unter Einbezug der Reserven verfügt die UBS bereits heute über genügend Kapital, um die vollständige Unterlegung zu erfüllen.
"Die vom Bundesrat vorgeschlagene vollständige Unterlegung von ausländischen Beteiligungen des Stammhauses mit hartem Kernkapital ist wichtig. Sie ist zielgerichtet, da sie eine Schwachstelle in der Regulierung adressiert, die sich während der Krise der Credit Suisse deutlich gezeigt hatte. Sie ist zudem verhältnismässig und wird die Stabilität des Finanzsystems in der Schweiz stärken."
Antoine Martin, Vizepräsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank
Stablecoins sind erst ein Nischenphänomen
Stablecoins sind digitale Vermögenswerte, die vorwiegend an etablierte Währungen wie den US-Dollar oder den Schweizer Franken gekoppelt sind. Angesichts der geringen Volumen stellen sie derzeit kein Risiko für die Finanzstabilität in der Schweiz dar. Trotzdem beschäftigen sich Zentralbanken und Regulierungsbehörden intensiv mit Stablecoins, denn sie bergen Risiken, die mit zunehmender Verbreitung an Relevanz gewinnen. Da Stablecoins auch ausserhalb ihres Währungsraums ausgegeben werden und global zirkulieren können, ist bei der Regulierung ein international koordiniertes Vorgehen wichtig. Die SNB engagiert sich deshalb national und international in der Debatte über den Umgang mit Stablecoins.
Nichtbanken-Finanzintermediäre (NBFI) können die Finanzstabilität beeinflussen
Zu den NBFI zählen Pensionskassen, Versicherungsgesellschaften, Anlagefonds sowie andere Akteure wie beispielsweise Wertpapierhäuser, Pfandbriefinstitute und Family Offices. Sie spielen neben den Banken in der Schweiz eine wichtige Rolle im Finanzsystem und können die Finanzstabilität beeinflussen. Die verfügbaren Daten ermöglichen lediglich eine partielle Einschätzung der Grösse und Risiken der NBFI in der Schweiz. Gemäss diesen Daten betragen die aggregierten Finanzaktiven der NBFI rund 170% der Finanzaktiven des Schweizer Bankensystems. Aggregiert betrachtet sind die grössten NBFI in der Schweiz Anlagefonds, gefolgt von Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften.
Anlagefonds grösste Art von NBFI
Aggregiert betrachtet machen Schweizer Anlagefonds den Löwenanteil der Schweizer NBFI aus und sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Schweizer Anlagefonds sind reguliert und werden mit wenigen Ausnahmen durch die Finanzmarktaufsicht FINMA beaufsichtigt. Das direkt von Anlagefonds ausgehende Risiko für die Finanzstabilität erscheint insgesamt gering. Anlagefonds sind kaum fremdfinanziert und haben tendenziell tiefere Liquiditätsrisiken als Banken, weshalb sie weniger anfällig für Schocks sind. Zudem sind einzelne Fonds im Schnitt deutlich kleiner als Banken und haben somit ein kleineres Schadenpotenzial. Aufgrund ihrer Verflechtung mit dem Finanzsystem können Anlagefonds dennoch Schocks verbreiten und verstärken.
Hedge-Funds und Staatsanleihenmärkte
Der zunehmende Einfluss von Hedge-Funds auf die Volatilität von Staatsanleihenmärkten ist international verstärkt in den Fokus der Behörden gerückt. In der Schweiz ist der Einfluss von Hedge-Funds auf den Staatsanleihenmarkt bislang begrenzt. Dies ist unter anderem auf die kleine Zahl der Schweizer Hedge-Funds und ihre geringe Grösse zurückzuführen. Zudem weist der Markt für Schweizer Staatsanleihen strukturelle Merkmale auf, die seine Attraktivität für Hedge-Funds einschränken, insbesondere seine geringe Grösse und die vergleichsweise niedrige Liquidität. Dennoch erscheint eine fortlaufende Beobachtung angezeigt, um potenzielle Risiken für die Finanzstabilität frühzeitig zu erkennen.