Kleines Land - grosse Herausforderungen: Geldpolitische Reaktion der Schweiz auf die Corona-Pandemie

Thomas Jordan, Präsident des Direktoriums

2020 IMF Michel Camdessus Central Banking Lecture, Washington und Zürich, 14.07.2020

In der Schweiz und vielen anderen Ländern führte die Corona-Pandemie zu einem starken Wirtschaftseinbruch. Die Aufgabe der Geldpolitik in dieser Situation besteht zum einen darin, angemessene monetäre Bedingungen gewährleisten. In unserem Land sind hier der Negativzins und die Devisenmarktinterventionen entscheidend. Zum anderen muss die Geldpolitik den Banken die nötige Liquidität zur Verfügung stellen, damit diese die Wirtschaft mit Krediten versorgen können. In der Schweiz legte die Regierung ein Programm auf, über das sie Bürgschaften für Unternehmenskredite gewährt. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) stellt für dieses Kreditprogramm die Liquidität zur Verfügung.

Corona traf die Schweiz in einer Situation, die für die Geldpolitik ohnehin nicht ganz einfach war. Als kleine offene Volkswirtschaft ist die Schweiz gegenüber Störungen aus dem Ausland stark exponiert. In den letzten Jahren führte eine Reihe von Krisen zu Aufwertungsdruck auf den Franken als sicheren Hafen. Dazu kamen noch die Auswirkungen des globalen Tiefzinsumfelds. Historisch betrachtet liegen die Zinsen in der Schweiz in der Regel deutlich unter denjenigen im Ausland, so dass die SNB weniger Spielraum für Zinssenkungen im positiven Bereich hat als andere Zentralbanken. Der globale Zinsrückgang engte daher die Zinsdifferenz zum Ausland ein, was zu Aufwertungsdruck auf den Franken führte.

Die SNB führte den Negativzins ein, um die gewohnte Zinsdifferenz zum Ausland zumindest teilweise wiederherzustellen und so den Aufwertungsdruck abzudämpfen. Die Entscheidung für den Negativzins ist - wie alle geldpolitischen Entscheidungen - eine Güterabwägung. In der Schweiz überwiegen aufgrund der hohen Bedeutung des Wechselkurses in der gegenwärtigen Situation ganz klar die Vorteile. Um die Geldpolitik ausreichend expansiv zu gestalten, kombiniert die SNB den Negativzins mit Interventionen am Devisenmarkt. Auch hier ist eine laufende Güterabwägung zentral. Interventionen verhindern eine übermässige Aufwertung des Frankens, verlängern aber auch die Bilanz der SNB und erhöhen damit die finanziellen Risiken. Interventionen sind jedoch gegenwärtig unumgänglich, um zusammen mit dem Negativzins die monetären Bedingungen in unserem Land angemessen zu gestalten.

Auch während der Corona-Pandemie kam es zu erhöhtem Aufwertungsdruck auf den Franken, ausgelöst durch die lockere Geldpolitik im Ausland sowie Kapitalflüsse in den Franken als sicheren Hafen. Aufgrund des starken Frankens fiel die Inflation in den letzten Monaten deutlich in den negativen Bereich. In Zeiten von Corona sind der Negativzins und die Devisenmarktinterventionen deshalb nötiger denn je, um die Preisstabilität mittelfristig zu gewährleisten.