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Finanzmärkte und Umsetzung der Geldpolitik - eine Beziehung im Wandel

Geldmarkt-Apéro, Genf, 17.11.2016

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Seit der globalen Finanzkrise 2008 haben sich die Beziehungen zwischen der Geldpolitik und den Finanzmärkten in mancher Hinsicht gewandelt. Aus Sicht der Notenbanken betrifft dieser Wandel vor allem die Transmission der Geldpolitik - also die Übertragung geldpolitischer Impulse über die Finanzmärkte auf die Konjunktur und die Güterpreise. Vor der Finanzkrise setzten die Notenbanken ihre Geldpolitik mittels eines einzigen Instruments um. In aller Regel war dies ein kurzfristiger Zinssatz, der mehr oder weniger direkt gesteuert wurde. Die geldpolitische Transmission setzte demnach am Geldmarkt an und übertrug sich von dort über verschiedene Kanäle - darunter der Zins-, Kredit-, Wechselkurs- und Vermögenspreiskanal - auf die Wirtschaft.

Im Zuge der Finanzkrise senkten die Notenbanken ihre Leitzinsen auf null oder nahe null Prozent. Das herkömmliche Zinsinstrument war damit aus damaliger Sicht erschöpft. Um die geldpolitische Transmission dennoch gewährleisten zu können, griffen die Notenbanken zu unkonventionellen Massnahmen, von denen einige nicht mehr am Geldmarkt ansetzen, sondern direkt auf den Kapital- und Devisenmarkt einwirken. Dadurch hat sich der Aktionsradius der Geldpolitik vergrössert, und entsprechend hat auch der Einfluss der Notenbanken an den Finanzmärkten zugenommen.

Der Einsatz von unkonventionellen Massnahmen stellt die Umsetzung der Geldpolitik vor einige Herausforderungen. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB), deren Geldpolitik auf dem Negativzins und Devisenkäufen basiert, war es notwendig, das Marktverständnis zu vertiefen, die Analyseinstrumente zu verfeinern und die Marktkontakte zu intensivieren.

Wenn die Zentralbanken stärker als früher auf die Finanzmarktpreise Einfluss nehmen, könnte das dazu führen, dass sich diese vom realwirtschaftlichen Umfeld lösen und nur noch von der Geldpolitik abhängen. Tatsächlich ist zu beobachten, dass sich einige traditionelle Beziehungen und Korrelationsmuster an den Finanzmärkten in den vergangenen Jahren verändert haben. Dafür dürften allerdings neben den unkonventionellen geldpolitischen Massnahmen auch die Globalisierung der Finanzmärkte und der Gleichlauf der Konjunktur- und Preisentwicklung verantwortlich sein. Ausserdem trat das Phänomen, dass schlechte Nachrichten aus der Wirtschaft als gute Nachricht für die Märkte interpretiert werden, bereits vor der Zeit der Finanzkrise auf, insbesondere an der Aktienbörse. Die Frage, inwieweit sich durch die intensivere Aktivität der Notenbanken an den Finanzmärkten traditionelle Preisbeziehungen und Korrelationsmuster verändert haben, lässt sich daher nicht mit Bestimmtheit beantworten. Nach wie vor reflektieren die Finanzmarktpreise letztlich aber die Erwartungen der Anleger zur künftigen Entwicklung der Wirtschaft und der Inflation.